OIZ: Wird das Thema altersgerechtes Wohnen hierzulande unterschätzt?

Klaus Duda: Absolut. Man erkannte schon vor 25 Jahren, dass aufgrund der Bevölkerungsentwicklung dringend etwas passieren muss. Doch es tat sich zu wenig. Die Immobilienbranche hinkt dem Bedarf hinterher. Ein Projekt braucht heute von der Idee bis zur Fertigstellung oft sieben Jahre oder mehr. Das heißt, dass Gebäude, die jetzt bezugsfertig werden, auf Konzepten von anno 2019 oder früher basieren. Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft rasant.

Worin liegt das Hauptproblem?

Es gibt zu wenig passende Angebote. Vor allem zwischen klassischem Wohnen und Pflegeheim klafft eine Riesenlücke. Zahlreiche ältere Menschen wollen nicht in ein Pflegeheim ziehen, brauchen aber dennoch ein Umfeld, das sie unterstützt. Genau hier fehlen qualitätsvolle, freifinanzierte Lösungen.

Was verstehen Sie darunter?

Wir brauchen Wohnformen, für die sich Menschen freiwillig entscheiden und nicht erst dann, wenn es keine Alternative mehr gibt. Viele leben heute alleine in großen Häusern, oft nach dem Tod des Partners. Die Immobilie wird zur Belastung, gleichzeitig wächst die Gefahr der Vereinsamung. Gute Seniorenwohnprojekte bieten Gemeinschaft, aber auch Rückzugsmöglichkeiten. Wichtig sind Zusatzangebote wie Bewegungsräume, Werkstätten oder Gemeinschaftsküchen. Das Leben soll einfacher und sozialer werden, ohne die Eigenständigkeit aufzugeben.

Sie sprechen oft von einem „Hotelgedanken“ beim Seniorenwohnen.

Weil es eben nicht reicht, nur Wohnungen zu errichten. Ja, Seniorenwohnen funktioniert in vieler Hinsicht wie ein Hotelbetrieb: Es braucht neben dem Gebäude auch Dienstleistungen, Organisation, soziale Angebote und Betreuung. Bauträger können das meist nicht alleine stemmen. Entscheidend ist, welche Zielgruppe angesprochen werden soll und welche Services sowie welche Atmosphäre dafür notwendig sind. Das geht weit über Architektur hinaus.

Ein konkretes Projekt ist das Haus der ­Zukunft in Mistelbach. Was zeichnet es aus?

Das Projekt ist spannend, weil es betreutes Wohnen, freifinanzierte Wohnungen und ergänzende Nutzungen kombiniert. Sämtliche Einheiten wurden so geplant, dass sie auch im Alter funktionieren – etwa durch vorbereitete barrierefreie Lösungen. Darüber hinaus gibt es ein Ärztezentrum, Gewerbe- und Gemeinschaftsflächen.

Wie groß ist die Nachfrage?

Obwohl das Haus der Zukunft noch vor der Fertigstellung steht, gibt es für die betreuten Wohnungen bereits deutlich mehr Interessenten als verfügbare Einheiten – und das in Mistelbach, also nicht im urbanen Zentrum Wiens. Das zeigt, wie groß der Bedarf auch in den Regionen ist.

Welche Rolle spielen derartige Projekte für Nachhaltigkeit und Wohnraumschaffung?

Eine enorme. Viele ältere Menschen wohnen wie erwähnt auf großen Flächen. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person liegt bei den über 65-Jährigen deutlich über jener der Gesamtbevölkerung. Wenn ältere Menschen freiwillig in kleinere, passende Wohnungen übersiedeln, werden große Häuser oder Wohnungen frei; oft für Familien. Das ist auch aus Klimaschutzsicht relevant. Bestehende Gebäude können saniert und weitergenutzt werden, statt laufend neue Flächen zu verbauen.

Warum entstehen dennoch so wenige Projekte?

Weil das Thema emotional schwierig ist. Menschen setzen sich ungern mit Alter, Einschränkungen oder Tod auseinander. Gleichzeitig fehlt eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber. Man müsste offensiver über erfolgreiche Leuchtturmprojekte sprechen. Schließlich passen wir unseren Wohnraum im Laufe des Lebens ständig an neue Lebenssituationen an – nur im Alter passiert das meist nicht mehr.

Was braucht es jetzt?

Vor allem mehr Bewusstseinsbildung. Das Thema muss in Medien, Politik und in der Immobilienwirtschaft intensiver diskutiert werden. Wir brauchen positive Beispiele und mutige Entwickler. Wirtschaftlich funktionieren solche Projekte durchaus. Ich glaube nicht, dass es am Geld scheitert, sondern daran, dass wir gesellschaftlich noch nicht ausreichend bereit dafür sind. ■