Wir leben noch nicht in einer zirkulären Wirtschaft. Für eine Kreislaufwirtschaft braucht es viele Akteure, Organisationen, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die derzeit noch nicht vollständig in unserer Wirtschaft verankert sind. Sagt jedenfalls Eva Bacher, Kreislaufexpertin im Consulting-Bereich der Delta Gruppe.

Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich zählen die Recycling-Baustoff-Verordnung, das Abfallwirtschaftsgesetz, die Deponieverordnung sowie die Reach-Verordnung. „In den nächsten Jahren kommt voraussichtlich die OIB-Richtlinie 7 zur Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit von Bauwerken hinzu, die das Thema stärker in die Breite tragen dürfte“, sagt Bacher. Auch die neue EU-Bauproduktenverordnung enthalte bereits zahlreiche Ansätze dazu, welche Eigenschaften Produkte aufweisen müssten und vor allem welche Informationen verfügbar sein müssten, um Wiederverwendungs- und Recyclingpotenziale transparent zu machen. Ein zentraler Aspekt sei dabei der Zugang zu Daten über Materialien und Produkte, um damit arbeiten und planen zu können. „Entsprechende Daten gibt es bereits, allerdings noch nicht flächendeckend. Dieses Feld entwickelt sich in der Bauwirtschaft Schritt für Schritt weiter“, erklärt Bacher.

Kreislaufwirtschaft beginnt aber nicht erst beim Neubau, sondern bereits beim Erhalt, bei der Sanierung und der Umnutzung bestehender Gebäude. Dabei geht es häufig zunächst darum festzustellen, welche Materialien verbaut wurden, wie sie eingesetzt sind und wie die entsprechenden Informationen zugänglich gemacht werden können. „Diese Fragen“, so Bacher, „haben hohe Priorität und müssen gelöst werden. Erschwerend kommt hinzu, dass vorhandene Pläne oft veraltet sind oder keine ausreichenden Details zur Ausführung enthalten. Wir beteiligen uns daher auch an Forschungsprojekten, in denen mithilfe digitaler Bestandsaufnahmen sowie zerstörungsfreier Erstanalysen und Künstlicher Intelligenz versucht wird, diese Fragen zu klären.“

Herausforderung Baukosten

Die Sedlak-Unternehmensgruppe, die sich dem Thema Kreislaufwirtschaft intensiv widmet, entwickelte im Bereich Sanierung ein Konzept, das aktuell in der Van-der-Nüll-Gasse 22 in Wien umgesetzt wird. Simone Grassauer, Bereich Nachhaltigkeit der Dipl.-Ing. Wilhelm Sedlak GmbH: „Bei diesem Projekt sind wir derzeit in der Umsetzungsphase und schauen, was kreislaufwirtschaftlich möglich ist. Auch bei den klassischen Bauträgerprojekten im Neubau versucht unser Bauträger Sedlak Immobilien, die Kreislaufwirtschaft zu berücksichtigen.“ Aber momentan sei es eher schwierig, im Bauen wie auch im Verkauf – „die Baukosten sind eine große Herausforderung“.

Bezüglich der Wiederverwendung von Baustoffen versucht Sedlak konkret zum Beispiel einen Business-Case zu entwickeln, Gipskartonplatten so effizient rückzubauen, dass sie wiederverwendet werden können. Dafür gab es eine Förderung. „Nächstes Jahr im Juni wird das Projekt abgeschlossen sein, und dann können wir über die Ergebnisse berichten“, so Grassauer. Aufgrund des Deponieverbots müsse man sich ja etwas überlegen. Im Moment stehe dem Arbeitsaufwand, eine Gipskartonplatte auszuschneiden, deren vollständige Funktionsfähigkeit festzustellen und dann wiederzuverwenden, ein im Einkauf vergleichsweise günstiges neues Produkt gegenüber. Aber man müsse die Kosten für Transport und Abnahme durch ein Recyclingunternehmen gegenrechnen und die Minderkosten gegenüberstellen.

Bei dem Projekt Van-der-Nüll-Gasse 22 wurden bestehende Fenster ausgebaut, einzeln geprüft und selektiert. Gemeinsam mit dem Partner Urban Matter werden geeignete Glasscheiben zwischengelagert, aufbereitet und als Mittelscheibe in neue dreifache Isolierverglasungen wieder eingesetzt. „Bei Ziegeln ist es einfach. Man kann sie rückbauen, säubern und wieder einbauen. Das stuften wir als kostenneutral ein“, erklärt Grassauer.

Wirtschaftlich steht Preiseinsparung
im Vordergrund

Von Ansätzen, wie man aus Bestand Neues entstehen und gemeinsam mit den Kunden echte Zirkularität in der Baupraxis realisieren kann, berichtet auch die Lindner GmbH. „Die Verwendung wiedergewonnener Standardprodukte ist sinnvoll, wenn das Material technisch den gewünschten Anforderungen entspricht und die Oberfläche – etwa bei einem Teppich – vollständig erneuert werden kann. Wirtschaftlich steht die Preiseinsparung im Vordergrund. Rechtlich müssen Eigenschaften wie bei einem Neuprodukt gewährleistet werden“, erklärt Harald Mezler-Andelberg, Geschäftsführer der Lindner GmbH. Kundenseitig brauche es ökologisches und/oder wirtschaftliches Interesse sowie keine Vorbehalte gegenüber gebrauchtem Material.

Das „Ernten“ von Bauteilen als Standardprodukt setze jedenfalls voraus, dass Materialien in Standardgrößen vorlägen, demontierbar und elementiert seien. Wirtschaftlich funktioniere der Ansatz, wenn die notwendige Infrastruktur vor Ort vorhanden sei: Strom, Lift, Zufahrt, Lagerfläche sowie ausreichender Vorlauf. „Entscheidend ist zudem eine funktionierende Materialdrehung“, so Mezler-Andelberg. Rechtlich müssten die Bauteile schadstofffrei sein – „wiederverwendbare Bauteile unterliegen bei entsprechender Weitergabe nicht mehr dem Abfallrecht“.

„Langfristig führt kein Weg an Net Zero vorbei“

Kreislaufwirtschaft ist bei UBM Development ebenfalls ein Thema. So gilt etwa das Leopoldquartier in Wien mit 75.000 Quadratmetern Nutzfläche, das größte innerstädtische Holzbau-Quartier der DACH-Region, als Vorzeigeprojekt für gebaute Nachhaltigkeit. Schon der Rückbau (nicht nur der Neubau) wurde DGNB-Gold zertifiziert. 95 Prozent der abgebrochenen Materialien konnten dem Stoffkreislauf zugeführt werden. Bei der Holz-Hybrid-Konstruktion wurde besonders auf die künftige Wiederverwendbarkeit der Materialien geachtet. So sind die Holzbetonverbunddecken verschraubt, um gegebenenfalls eine zerstörungsfreie Trennung der Materialien zu ermöglichen.

„Beim Timber Marina Tower, unserem 33-geschoßigen Holz-Hybrid-Büroturm in Wien, beauftragten wir eine externe gutachterliche Betreuung, um die Umwelt- und Kreislaufwirtschaftsthemen gemäß dem städtebaulichen Vertrag laut § 1a der Wiener Bauordnung zu dokumentieren“, erklärt Bernhard Egert, Head of Timber Construction and Green Building der UBM Development AG. Konkrete Inhalte sind erstens die Erstellung eines Gebäuderessourcenpasses bezüglich der eingesetzten Materialien mithilfe von Madaster zur Unterstützung der Wiederverwendbarkeit sowie des Recyclings beim Rückbau. Zweitens die Erstellung eines Rückbau- und Recyclingkonzepts, drittens die vermehrte Verwendung von Bauprodukten mit Umweltzeichen beziehungsweise Sekundärbaustoffe und schließlich viertens Lifecycle-Assessments für die Bauteile mit großen Massenanteilen und unterschiedlichen Lebens- und Erneuerungszyklen.

„Die Kosten-Nutzen-Auswirkungen der Nachhaltigkeitsmaßnahmen hängen unter anderem von der künftigen EU-Regulatorik ab“, sagt Egert. Er ist zudem „überzeugt, dass die Omnibus-Aufweichungen und die aktuellen Krisenherde nur kurzfristig den Fokus auf die notwendige CO2-Emmissionsreduktion im Bauwesen abschwächt und langfristig kein Weg an Net Zero vorbeiführen wird.“ Maximal zulässige Grenzwerte und Kostenwahrheit für CO2-Emmissionen würden die Materialwirtschaft verändern und der Wegwerfgesellschaft einen Riegel vorschieben. Auch der Gesetzgeber sei gefordert, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Wieder-in-Verkehr-Bringen von Recyclingbaustoffen zu schaffen. ■

Die Gipskartonplatten in der Van-der-Nüll-Gasse werden rückgebaut und für den späteren Wiedereinbau aufbereitet. © Sedlak