Die Diskussion rund um Bodenverbrauch und Flächenversiegelung gewann in den vergangenen Jahren deutlich an Intensität. Medien, Politik und Interessenvertretungen greifen das Thema regelmäßig auf – häufig jedoch mit uneinheitlicher Begrifflichkeit, verkürzten Darstellungen und unklaren Datengrundlagen. Für Zivilingenieure und Architekten entsteht daraus eine besondere Herausforderung: Wie lässt sich auf Basis valider Informationen sachlich planen und argumentieren? Das von der Kammer der Ziviltechniker:innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland herausgegebene Positionspapier (siehe Info-Box) schafft hier Orientierung.

Präzise Begriffe als Grundlage

Ein zentrales Problem in der öffentlichen Debatte ist die uneinheitliche Verwendung von Begriffen. Während „Bodenverbrauch“, „Flächenverbrauch“ und „Versiegelung“ oft synonym verwendet werden, sind der Fachdiskussion klar definierte Kategorien zugrunde zu legen. Besonders relevant sind zwei Begriffe: erstens „Flächeninanspruchnahme“, die das Ausmaß umgewandelter Flächen, zumeist Siedlungs- und Verkehrsflächen, die für land- und/oder forstwirtschaftliche Produktion und als natürlicher Lebensraum nicht mehr zur Verfügung stehen, beschreibt. Die Flächeninanspruchnahme ist ein Gesamtwert, der den aktuellen Zustand beschreibt. Die jährliche Veränderung ist die Zunahme der Flächeninanspruchnahme. Zweitens „Bodenversiegelung“, die die tatsächliche Abdichtung des Bodens, etwa durch Gebäude oder Asphalt, bezeichnet.

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Die korrekte Begriffsverwendung ist entscheidend. Nicht jede in Anspruch genommene Fläche ist vollständig versiegelt. Und unterschiedliche Nutzungen der umgewandelten Flächen zeigen unterschiedliche ökologische Auswirkungen. Die klare Terminologie ist daher Voraussetzung für belastbare Analysen und zielgerichtete Maßnahmen.

Datenlage im Wandel

In den letzten Jahren dominierten vereinfachte Aussagen die öffentliche Wahrnehmung, etwa die Feststellung, Österreich „verbrauche täglich zwölf Hektar Boden“. Auf Basis neuerer Auswertungen ist dies zu differenzieren. Das Monitoring der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) „Flächeninanspruchnahme und Versiegelung in Österreich – Bericht zu den Ergebnissen 2022 und 2025“ (siehe Info-Box) wurde im vergangenen Dezember vorgestellt. Die tägliche Zunahme der Flächeninanspruchnahme wurde mit rund 6,5 Hektar identifiziert und der Prozentanteil versiegelter Flächen an der gesamten Landesfläche mit etwa 3,5 Prozent im Jahr 2022. Im europäischen Vergleich ist dies ein Wert im Mittelfeld.

Diese scheinbare Halbierung ist teils ein realer Rückgang, teils das Ergebnis geänderter und verbesserter Methodik. Während frühere Zahlen entweder auf statistischen Hochrechnungen basierten oder die digitale Katastermappe (DKM) als grobe Datenbasis nutzten, greifen die aktuellen Analysen auf kombinierte Geodaten zurück: Flächenwidmungen, landwirtschaftliche Nutzung, Verkehrsnetze sowie Satellitendaten.

Ein wesentlicher Fortschritt für die Praxis sind die im Herbst 2025 vorgestellten digitalen Werkzeuge „ÖROK-Atlas zur Flächeninanspruchnahme“ und „ÖROK-Atlas zur Bodenversiegelung“. Diese interaktiven Anwendungen ermöglichen es, räumliche Entwicklungen differenziert bis auf Gemeindeebene nachzuvollziehen. Planer erhalten damit eine fundierte Grundlage, um Trends zu analysieren, regionale Unterschiede zu erkennen und Maßnahmen gezielt abzuleiten.

Ergänzend dazu gewinnt das Bodenmonitoring zunehmend an Bedeutung. Durch die kontinuierliche Beobachtung und Auswertung von Flächennutzungs- und Versiegelungsdaten entsteht erstmals eine belastbare Zeitreihe, die nicht nur Momentaufnahmen liefert, sondern Entwicklungen sichtbar macht. Für die Planung bedeutet das den Wechsel weg von punktuellen Aufnahmen hin zu einem systematischen, evidenzbasierten Steuerungsansatz.

Politische Zielsetzungen und ihre Unschärfen

Ein plakatives Beispiel für begriffliche und methodische Unklarheiten in der Vergangenheit ist das sogenannte 2,5-Hektar-Ziel. Bereits 2002 formuliert, postuliert es die drastische Reduktion der täglichen Neuversiegelung auf ein Zehntel des damals unterstellten Werts. Tatsächlich lag der Versiegelungszuwachs weit darunter, bei etwa 6,8 Hektar pro Tag, während die neue Flächeninanspruchnahme mit knapp zwanzig Hektar pro Tag näher an, aber immer noch deutlich unter dem vorgeblichen Wert lag.

Bis heute bleibt unklar, wie das Ziel abgeleitet wurde und worauf es sich konkret bezieht. Dennoch wird es politisch weitergeführt – aktuell ist dieser Zielwert im Regierungsprogramm 2024-2029 zur Reduktion des „Bodenverbrauchs“ verankert. Für die Fachpraxis zeigt sich das grundlegende Pro­blem: Ohne klare Definitionen und konsistente Datengrundlagen verlieren auch ambitionierte Ziele ihre Steuerungswirkung, weil sie für konkrete Umsetzungsschritte nicht greifbar sind. Neue Datengrundlagen wie die ÖROK-Atlanten und ein verbessertes Bodenmonitoring könnten künftig eine wichtige Rolle bei der Präzisierung und Evaluierung solcher Zielsetzungen spielen.

Die häufig zitierte Aussage, Österreich sei „Europameister im Bodenverbrauch“, hält einer differenzierten Betrachtung nicht stand. Vergleichbare europäische Daten zeigen vielmehr eine Position im Mittelfeld. Dennoch besteht kein Anlass zur Entwarnung. Die Zunahme der Flächeninanspruchnahme sinkt zwar, bleibt aber insgesamt hoch, vor allem im Dauersiedlungsraum.

Ursachen der Flächeninanspruchnahme

Die Treiber der Flächeninanspruchnahme sind vielfältig und eng miteinander verknüpft. An erster Stelle steht nach wie vor die Siedlungsentwicklung, auf die 74 Prozent der neu in Anspruch genommenen Flächen entfallen. Zersiedelung durch Ein­familienhausstrukturen und geringe Dichte spielen zwar eine Rolle, im Vordergrund stehen der Zuwachs an Bevölkerung und der Siedlungsdruck in den Zuzugsregionen. Eine zunehmende Bevölkerungszahl bedeutet einen wachsenden Bedarf an Wohnraum und Infrastrukturen. Hohe Immobilienpreise bedingen eine effizientere Nutzung der Flächen, die Flächeninanspruchnahme pro Person ist geringer, der Anteil der versiegelten Flächen ist jedoch hoch.

Die Zersiedelung führt auch zu steigendem motorisiertem Individualverkehr. Der Ausbau von Straßeninfrastruktur und der Bedarf an Parkflächen, beispielsweise im Handel, vergrößern die Flächeninanspruchnahme. Je weniger dicht die Siedlungsstruktur ist, desto mehr Fläche ist pro Einwohner für die Erschließung erforderlich.

Baulandreserven bestehen nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Knapp zwanzig Prozent des gewidmeten Baulandes ist nicht mit einem Hauptgebäude bebaut. Gewidmetes Bauland, das nicht land- oder forstwirtschaftlich genutzt wird, gilt als in Anspruch genommene Fläche. Da etwa doppelt so viele Flächen neu bebaut wie neu gewidmet werden, geht die Baulandreserve leicht zurück. Die Mobilisierung von Baulandreserven ist ein gewaltiges Potenzial zur Deckung des zusätzlichen Raumbedarfs ohne zusätzliche Flächeninanspruchnahme, allein es fehlen wirksame Instrumente, um sie der angedachten Nutzung zuführen. Das Ausmaß der Bodenversiegelung steigt dabei.

Die infrastrukturellen Anforderungen der Energiewende erhöhen den Flächendruck. Photovoltaik- und Windkraftanlagen weisen eine prozentuell stark steigende Flächeninanspruchnahme auf, allerdings ausgehend von einem bisher sehr niedrigen Gesamtausmaß. 

Das Bauwesen kann in Phasen schwachen Wachstums als Konjunkturmotor wirken, da es Arbeitsplätze schafft und Nachfrage in vielen Branchen auslöst. Der Übergang zu flächen- und ressourcenschonendem Bauen kann dabei kurzfristig bremsen, wenngleich reuse- und recyclingorientiertes Bauen längerfristig stärker objektbezogene, individuell zugeschnittene und zielgerichtete Planungs- und Bauleistungen erfordert und konjunkturell positiv wirkt. Kurzfristige wirtschaftliche Belebungsmaßnahmen setzen aber tendenziell auf den bisherigen, weniger nachhaltigen Kurs.

Handlungsspielräume für Planung und Umsetzung

Die gute Nachricht: Es existiert ein breites Spektrum an Steuerungsinstrumenten, das jedoch konsequent angewendet werden muss.

Das Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ setzt auf Nachverdichtung, Nutzung von Brachflächen, Revitalisierung bestehender Gebäude und strengere Widmungspolitik. Die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorrangflächen, die Definition von Siedlungsgrenzen und Standortlenkung für großflächigen Handel zählen zu den raumplanerischen Instrumenten. Die Nachverdichtung und Umnutzung bestehender Strukturen kann mit Leerstandsmanagement und Abgabenmodellen angestoßen werden. Die Mobilisierung von Baulandreserven bleibt schwierig, da der Funktion von Grundstücken als kostengünstige Wertanlage bislang nur begrenzt wirksame Steuerungsinstrumente entgegenstehen.

Für Planer erweitert sich das Tätigkeitsfeld von der Projektentwicklung über nachhaltige Entwurfskonzepte bis hin zur Mitwirkung an strategischen Planungsprozessen. Die verbesserten Datengrundlagen aus den ÖROK-Atlanten und dem Bodenmonitoring helfen dabei, diese Ursachen räumlich und zeitlich differenziert zu analysieren, und sind eine wichtige Basis für wirksame Maßnahmen.

Boden als endliche Ressource

Boden ist nicht vermehrbar. Versiegelte Flächen verlieren zentrale Bodenfunktionen: Primärproduktion, Wasserspeicherung, Kühlung, Lebensraum. Eine Wiederherstellung ist theoretisch technisch machbar, aber aufwendig und oft nur teilweise wirksam. Ereignisse wie Hochwasser zeigen die unmittelbaren Auswirkungen: Versiegelte Flächen verstärken Abflussdynamiken und erhöhen die Risiken.

Gerade vor dem Hintergrund aktueller Extremereignisse unterstreicht das Bodenmonitoring die Bedeutung langfristiger Entwicklungen. Veränderungen in Versiegelungsgraden lassen sich mit hy­drologischen Auswirkungen in Beziehung setzen und liefern damit wertvolle Grundlagen für eine klimaresiliente Planung. Für die Baupraxis bedeutet das, Flächen nicht nur effizient, sondern auch funktional differenziert zu nutzen. Entsiegelung, wasserdurchlässige Beläge, Grüninfrastruktur und multifunktionale Freiräume gewinnen an Bedeutung.

Das Berufsverständnis von Ziviltechnikern basiert auf faktenorientiertem, wissenschaftlich fundiertem Handeln und der Integration gesellschaftlicher Anforderungen. Die sich daraus ergebenden Leitlinien umfassen den verantwortungsvollen Umgang mit Fläche und Boden, eine eindeutige und konsistente Fachsprache, die objektive Analyse und Planung auf Basis valider Daten, das Streben nach praxisnahen und umsetzbaren Lösungen und den laufenden Dialog mit der Politik, der Verwaltung und der Öffentlichkeit. Digitale Instrumente wie die ÖROK-Atlanten und ein kontinuierliches Bodenmonitoring stärken diese Rolle, da sie eine gemeinsame, transparente Datengrundlage für alle Akteure schaffen.

Fazit: vom Diskurs zur Umsetzung

Die Diskussion um Flächeninanspruchnahme und Bodenversiegelung wird uns langfristig begleiten. Fortschritte sind sichtbar, etwa durch verbesserte Datengrundlagen, neue Analyseinstrumente und ein wachsendes Bewusstsein in der Bevölkerung. Gleichzeitig stehen wir erst am Anfang eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Für Zivilingenieure und Architekten bedeutet das, die Verantwortung aktiv wahrzunehmen. Planung schafft die Entscheidungsgrundlagen dafür, wie effizient, nachhaltig und resilient unsere gebaute Umwelt ist. Klar definierte Begriffe und belastbare Daten bilden dafür die Grundlage. ■

Weiterführende Informationen

Positionspapier: Flächeninanspruchnahme und Bodenversiegelung
https://wien.arching.at/aktuelles/oeffentlichkeitsarbeit/oea-detail/
positionspapier-flaecheninanspruchnahme-und-bodenversiegelung

ÖROK-Monitoring „Flächeninanspruchnahme und Versiegelung in Österreich –
Bericht zu den Ergebnisse 2022 und 2025“
https://www.oerok.gv.at/monitoring-flaecheninanspruchnahme/bericht-2025

Umweltbundesamt Monitoring der Flächeninanspruchnahme und
Versiegelung in Österreich
https://www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/boden/flaecheninanspruchnahme/fragen-und-antworten

Über den Autor

Karl Grimm ist Zivilingenieur für Landschaftsarchitektur und stellvertretender Vorsitzender der Sektion Ingenieurkonsulenten der Kammer der Ziviltechniker:innen Wien, Niederösterreich und Burgenland.