Beliebte Donaumetropole

09.03.2012

 
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Denn dass immer mehr Menschen in der Bundeshauptstadt leben wollen, konfrontiert den Wohnbau mit großen Herausforderungen.
In der Wagramer Straße entsteht derzeit Österreichs

Nüchtern wie immer verkündete die Statistik Austria kürzlich, dass am 1. Jänner dieses Jahres 8,44 Millionen Menschen in Österreich lebten. Das sind um 36.200 oder 0,4 Prozent mehr als Anfang 2011. Etwas weniger als die Hälfte des gesamten Plus entfiel dabei auf die Hauptstadt Wien, die aktuell rund 1,71 Millionen Einwohner zählt. An der Tatsache, dass die Donaumetropole mehr und mehr Menschen anlockt, gibt es kein Vorbeikommen. Laut der „Kleinräumigen Bevölkerungsprognose Wien" soll im Jahr 2035 die Zwei-Millionen-Schallmauer durchbrochen werden.

Damit steht der Wohnbau vor akuten Herausforderungen. Oliver Brichard, Obmann der Fachgruppe Wien, blickt hinter die Kulissen: „Derzeit haben wir eine Neubauleistung von 4.000 Wohnungen jährlich. Die öffentlichen Töpfe sind leer. Die 500 Millionen Euro, die die Stadt Wien vor allem in die Gemeinnützigkeit und in die genossenschaftlichen Bereiche fließen lässt, gibt es de facto nicht mehr. Daher ist die gewerbliche Immobilienwirtschaft gefordert. Aber die Rahmenbedingungen behindern uns derzeit überall."

Volle Auftragsbücher, steigende Kosten

Es sind allgemein die Bauvorschriften, die die gewerbliche Immobilienwirtschaft bremsen. Sie bewegen sich auf einem Niveau – auch vonseiten der europäischen Regelungen –, das extrem hohe Qualitätsansprüche beinhaltet, zum Beispiel bei der Barrierefreiheit sowie Energieoptimierung. Diese Anforderungen verteuern das Bauen. „Andererseits dürfen wir nicht unterschätzen, dass die Auftragsbücher der Bauwirtschaft gut gefüllt sind. Auch daraus kann man schließen, dass die Kosten in Zukunft steigen werden", so Brichard.

Hans Jörg Ulreich, Berufsgruppensprecher der österreichischen Bauträger, setzt bei seiner Kritik bei der Sanierungsproblematik an: „Förderungsmittel zum Anreiz für innerstädtischen, ökologisch nachhaltigen und verdichteten Wohnbau werden – trotz gegenteiliger Ankündigungen – eingefroren und gestrichen. Die Wiener Gründerzeithäuser werden langsam verfallen, wenn man als Bauträger nicht selbst tief in die Tasche greift."

Sieben hölzerne Geschoße

Im Zentrum des allgemeinen Interesses stehen tatsächlich meistens die – teilweise beeindruckenden – Neubauprojekte. So soll bekanntlich die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) nächstes Jahr an ihren neuen Standort beim Prater im zweiten Bezirk übersiedeln. Dort setzte die IG Immobilien kürzlich den Spatenstich für die „Campus Lodge", die mehr als 100 Mietwohnungen umfasst. Die auf die Bedürfnisse junger Leute zugeschnittene Anlage wurde mit dem DGNB-Vorzertifikat der ÖGNI in Silber ausgezeichnet. Die Fertigstellung steht zeitgleich mit jener der WU im Herbst 2013 auf dem Plan. Ebenfalls im zweiten Bezirk, auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs, errichtet die Bauträger Austria Immobilien GmbH (BAI) mit den „Park Residences" 206 Wohnungen. Die Baumschlager & Eberle ZT GmbH plante die auf acht Gebäuden verteilten Zwei- bis Fünf-Zimmer-Apartments. Das gute Verhältnis der Häuser von Oberfläche zu Volumen soll eine hohe Energieeffizienz garantieren.

Auch in der Wagramer Straße im 22. Bezirk herrscht rege Bautätigkeit. Es sprießt gerade Österreichs höchster Wohnbau in Holzbauweise aus dem Boden. Die siebengeschoßige Anlage, die die beiden Architekturbüros Hagmüller Architekten sowie Schluder Architektur planten, zählt 101 Wohnungen. Die sechs Stockwerke in Holzbauweise werden dabei innerhalb von drei Monaten auf das Massivbauerdgeschoß gesetzt. Kreuzweise verleimte Massivholzelemente (Brettsperrholz) bilden die Wohnungstrennwände sowie das Trägermaterial der Gebäudehülle. Für die horizontalen Bauteile kommen Holzbetonverbundelemente zum Einsatz. Insgesamt werden rund 2.500 Kubikmeter Brettsperrholz benötigt. Die Wiener Techniknovelle, die 2008 in Kraft getreten ist, ermöglichte das Projekt. Sie legte die Rahmenbedingungen fest, die den Einsatz von Holz auch im mehrgeschoßigen Wohnbau der Gebäudeklasse 5 – also bei mehr als sieben Geschoßen – zulässt.