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Den größten Aufholbedarf hinsichtlich Gebäude und Nachhaltigkeit sehen Experten  im Bereich der Materialwahl.

Nachhaltig gebaut

10.11.2020

Umweltverträgliche und zukunftsfähige Gebäudeplanung ist technisch heute bereits möglich. Einzig: Alternative Baumaterialien sind (noch) zu teuer.

Die Bauwirtschaft ist für einen Großteil des österreichischen Abfallaufkommens verantwortlich „Den wichtigsten Aspekt einer nachhaltigen Gebäudeplanung stellt deshalb die kreislaufwirtschaftliche Betrachtung eines Bauwerkes dar“, stellt Daniela Trauninger, Leiterin des Zentrums für Bauklimatik und Gebäudetechnik der Donau-Universität Krems, den Zusammenhang zum Thema Nachhaltigkeit her. Von der ökologischen Produktion aller am Gebäude verwendeten Baustoffe und Produkte über die Erstellung von Materialkatastern und Rückbauplänen bis hin zur Wieder‐ und Weiterverwendung müsse das Gebäude wesentlich gesamtheitlicher betrachtet werden, als es derzeit der Fall sei. Zudem würden auch infrastrukturelle Gegebenheiten den ökologischen Fußabdruck der Gebäudenutzer in hohem Maße bestimmen und dürften deshalb nicht vom Gebäude entkoppelt betrachtet werden. Vor allem im ländlichen Raum bestehe hier Handlungsbedarf sowohl in der Raumplanung als auch in der Umsetzung von nachhaltigen Mobilitätslösungen. Im Projekt „InnoMOB – Innovative Mobilitätskonzepte für Wohnbauträger“ der Donau-Uni Krems (*) seien genau solche Umsetzungsstrategien und Lösungsansätze zur Umkehrung der Verkehrsprioritäten im Zusammenhang mit dem Wohnungsbau definiert.
 

Wolfgang Kradischnig, Geschäftsführer der Delta Holding GmbH und der Delta Podsedensek Architekten ZT GmbH, weist beim Thema Bauen und Nachhaltigkeit grundsätzlich auf die Unterscheidung zwischen baulichen und gebäudetechnischen Maßnahmen hin. „Im gebäudetechnischen Bereich ist natürlich die energetische Versorgung des Gebäudes relevant“, so Kradischnig – Gas etwa habe als fossile Energie schon ein Ablaufdatum zugunsten von verschiedensten Alternativen, die auch schon angewendet würden: „Zum einen Wärmepumpenlösungen, wo die Erdwärme oder das Grundwasser genutzt wird, aber auch Luftwärmepumpen. Und natürlich Photovoltaik zur Stromerzeugung, vor allem in Kombination mit einer Wärmepumpe.“ Diese Kombination setze sich immer stärker durch.

Problem sommerliche Überwärmung

Wo für Kradischnig der bauliche und der gebäudetechnische Bereich quasi zusammenfließen, ist der Bereich der Gebäudekühlung und Heizung: „Hier kommen verstärkt Wärmepumpen-Lösungen zum Einsatz, sprich: gebäudetechnische Anlagen, wo über große Flächen geheizt und auch gekühlt wird – zum Beispiel Flächenheizung im Deckenbereich, wo über die Decke in einer sanften Strahlung im Sommer gekühlt und im Winter geheizt werden kann.“ Solche Systeme seien im Kommen und auch gut kombinierbar mit nachhaltigen Lösungen wie einem Wärmepumpensystem. Gerade im Zusammenhang mit der sommerlichen Überwärmung mache das Sinn. Nachhaltigkeit eines Gebäudes müsse aber nicht zwangsläufig nur eine gebäudetechnische oder eine bauliche Komponente haben, sondern könne sehr stark auch durch die Architektur der Gebäudeanordnung gelöst werden – mit entsprechenden Ausrichtungen der Räume, mit Lösungen für die Beschattungssituation, sprich: baulicher Sonnenschutz.

Auch für Daniela Trauninger stellt hinsichtlich einer zukunftsfähigen Gebäudeplanung das Thema Kühlung einen der wichtigsten Aspekte dar: „Durch den Klimawandel sind vor allem im dicht verbauten Bereich immer mehr Wohnungen von einer sommerlichen Überwärmung betroffen. Gleichzeitig aber wird dieses Thema in den relevanten Richtlinien und Bauordnungen völlig unzureichend und keinesfalls mit Blick in die Zukunft behandelt.“ Das führe dazu, „dass immer mehr Klimageräte nachgerüstet werden, die neben der ineffizienten Betriebsweise das Problem der städtischen Hitzeinseln durch ihre Abwärme noch verstärken.“ Hier müssten schnellstmöglich nachhaltige Kühlstrategien bereits in der architektonischen Entwurfsplanung mitberücksichtigt werden. Wobei auch die Umgebung des Gebäudes mit einzubeziehen sei: „Ein intelligentes Grünraum‐ und Wassermanagement kann ebenso wie durchlässige Bebauungsstrukturen und eine Verminderung versiegelter Flächen zu einer signifikanten Kühllastreduktion führen, womit erst die Grundlage für energieeffiziente Kühllösungen im Gebäude selbst geschaffen wird.“

Elektrotankstellen und Carsharing

Den größten Aufholbedarf hinsichtlich Gebäude und Nachhaltigkeit sieht Wolfgang Kradischnig im Bereich der Materialwahl: „Hier industriell möglichst gleichpreisige Alternativen zu schaffen, ist mehr denn je ein Gebot der Zeit.“ Für die Dämmung etwa seien Hanf, Baumwolle, Schafwolle, Zellulose oder auch Holzfasern gute Alternativen zu herkömmlichen Materialien, aber eben teurer, weil die industrielle Skalierung nicht gegeben sei. Wenn diese Materialien in so großen Volumina produziert würden beziehungsweise wenn der Staat auch entsprechend lenkend eingreifen würde, zum Beispiel durch CO2-Besteuerung, dann könnten das gleichpreisige Alternativen zu Mineralwolle und Polystyrol sein, deren Herstellung ja einen enormen Energieaufwand erfordere bzw. Erdöl als Ausgangsprodukt haben.

„Ganzheitlich betrachtet, wäre auch ein Holzbau nicht mehr teurer als ein Massivbau“, so Kradischnig. „Wenn man alles berücksichtigt, auch die geringere Bauzeit, dann ist Holz ein sehr attraktiver Baustoff, auch was die Rückbaubarkeit betrifft. Der nachwachsende Baustoff Holz ist nicht nur CO2-neutral, sondern weist sogar eine positive CO2-Bilanz auf. Aber derzeit kann diese Option preislich noch nicht ganz mitziehen.“ Ein weiterer alternativer Baustoff, für den Kradischnig viel Potenzial sieht, ist Lehm, auch in – sehr gut verträglicher – Kombination mit Holz: „Das sorgt für ein angenehmes, nach Natur riechendes Raumklima.“

Neben all diesen architektonischen, baulichen und gebäudetechnischen Aspekten gibt es weitere nachhaltigkeitsrelevante Maßnahmen wie zum Beispiel, Elektrotankstellen zur Verfügung zu stellen. „Oder bei einer Quartierbetrachtung Co-Working Spaces anzubieten, gerade hinsichtlich des ganz aktuellen Themas Homeoffice“, ergänzt Kradischnig. Auch das gehöre zur Nachhaltigkeit dazu, wenn Menschen nicht mehr von A nach B fahren müssten, sondern möglichst in Wohnplatznähe optimale Arbeitsmöglichkeiten vorfänden.

„Das“ so Kradischnig, „sind nur einige der zahlreichen Möglichkeiten, Gebäude nachhaltig zu gestalten, insbesondere im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit und im Bereich gezielter Nutzung der Potenziale von Bepflanzungen gibt es noch viel Luft nach oben.“

Bei Rhomberg Bau macht man laut Martin Summer von der Geschäftsführung in der Projektentwicklung schon seit langer Zeit einen so genannten Lebenszyklus-Check: Das heißt, die Projektentwickler gehen ein Projekt gemeinsam dahingehend durch, ob alle Einzelmaßnahmen bedacht wurden, ob es eine bessere Variante gäbe, ob die ökologische Richtung stimmt usw. Denn: „Letztlich geht es uns bei unseren Projekten immer auch darum, in Richtung Lebenszykluskosten zu denken und es für unsere Kunden, die Bewohner der Häuser, so zu gestalten, dass die Betriebskosten in einem vernünftigen Rahmen bleiben“, so Summer. „Wobei unsere Leistungen als Bauträger schon mit der Grundstücksfindung anfangen, wo hinsichtlich Nachhaltigkeit auch die Lage eine wesentliche Rolle spielt, sprich: der Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz, die Erreichbarkeit. Teilweise stellen wir – mit CARUSO – auch Carsharing-Fahrzeuge zur Verfügung oder sehen bei den Wohnbauprojekten zumindest Stellplätze für Carsharing vor, teilweise auch mit Ladestationen.“ Hinsichtlich nachhaltiger, langlebiger Materialien denkt auch Summer vor allem an Holz, aber auch an konstruktiven Gebäudeschutz, der leider in der modernen Architektur teilweise verschwunden sei – „zum Beispiel ein Vordach am Eingangsportal, damit dieses möglichst nicht der Witterung ausgesetzt ist.“

 

(*) https://www.donau-uni.ac.at/de/forschung/projekt/U7_PROJEKT_4294969841

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