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Für das Modul „BeRTA“, nun auch für ganz Wien verfügbar, gibt es eine Förderung von knapp 6.900 Euro pro Projekt.

Mehr Grün in der Stadt

09.06.2021

Fassadenbegrünungen erhöhen die Wohnqualität, werten Liegenschaften auf und schaffen ein positives Mikroklima.

Erstmals ist ein Marktbericht mit umfassenden Daten, Zahlen und Fakten über die österreichische Bauwerksbegrünungsbranche erhältlich: der Austrian Green Market Report (*). Nach dieser Datenerhebung innerhalb der österreichischen Begrünungsbranche, durchgeführt von der Innovationsplattform „Grünstattgrau“ im Rahmen einer Marktforschungsinitiative der Europäischen Föderation der Bauwerksbegrünungsverbände (EFB) und der IMG Innovation Management Group GmbH, könnte sich die Bauwerksbegrünungsbranche bis 2030 auf 270 Millionen Euro Umsatz ausweiten. Das entspräche einem Zuwachs von 200 Prozent. Gerold Steinbauer, Präsident des österreichischen Verbandes für Bauwerksbegrünung (VfB) und Mitgründer der EFB: „Endlich haben wir fundierte Zahlen und Fakten, mit denen wir nachweisen können, wie wichtig die Branche der Bauwerksbegrünung ist.“ Um unsere Lebensbedingungen besonders in den Städten zu erhalten und zu verbessern, seien Investitionen in die grünen Infrastrukturen notwendig.

Vor allem im gründerzeitlichen Bereich mit seinen Hitzeinseln ohne jedes Grün ist eine Gebäudebegrünung wichtig. „Man muss sich vorstellen – das gründerzeitliche Haus inklusive Dach und Hof ist zu 100 Prozent versiegelt, das Wasser fließt sofort ab in den Kanal und überlastet diesen bei starkem Regen. Gleichzeitig trocknet Wien aus, eben weil alles versiegelt ist und das Regenwasser nicht ins Grundwasser geht, sondern in den Kanal. Das ist das Dilemma“, sagt Hans Jörg Ulreich, Geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Bauträger GmbH und Vorreiter in Sachen Gebäudebegrünung. Hinzukomme dieser Backofeneffekt (Urban Heat Island Effect). Die Hitze staue sich in diesen Höfen, Messungen würden einen faktischen Temperaturunterschied von 2 - 3 Grad zwischen grünem und unbegrüntem Hof ergeben, gefühlt seien das sogar 7 - 8 Grad Unterschied, was auch psychologisch viel ausmache. „Und die heißesten Viertel in Wien sind die gründerzeitlichen Gebiete entlang des Gürtels, wo es kein Grün und auch kaum Parks gibt, alles ist zubetoniert, die Hitze speichert sich über Nacht, man kann sich in der Nacht nicht mehr erholen – wir haben in Österreich schon weit mehr Hitzetote als Verkehrstote“, so Ulreich. Dieses Thema werde also immer wichtiger – gerade ältere Menschen ohne Klimaanlage und Balkon und die es auch nicht mehr in den Park schaffen würden, hätten einen brennheißen Hof und eine brennheiße Gasse. „Das ist also wirklich lebensgefährlich für alle älteren Menschen, die innerstädtisch wohnen und kein Ferienhaus haben. Gerade für sozial benachteiligte, wenig mobile Menschen werden unsere Sommer immer lebensgefährlicher.“

Nicht „nur“ begrünen

Wobei Gebäude- und Hofbegrünungen für Ulreich „natürlich nur dann Sinn machen“, wenn es sich um ein Maßnahmenbündel das Haus betreffend handelt: „Man sollte jetzt nicht Höfe, wo Raum für Verdichtung besteht, zupflanzen. Genau das ist jetzt nämlich im Zusammenhang mit der PR zu Begrünungen meine große Sorge, dass nämlich Bewohner wild pflanzen und glauben, das sei genügend an Klimaschutzmaßnahmen.“ Mit „PR zu Begrünungen“ bezieht sich Ulreich hier darauf, dass die Stadt Wien seiner Meinung nach nur „alibimäßig“ zu einem bisschen Fassadenbegrünung und zum Garteln aufrufe. Wenn jedoch der Innenhof begartelt werde, tue man sich schwer, dort noch einen Trakt hoch zu ziehen, was viel besser wäre. Es sei gescheiter, innerstädtisch höher zu bauen und das alles zu begrünen, Balkone zu machen. Also zuerst schauen, was noch an sinnvoller Verdichtung möglich wäre, dann verdichten und intensiv begrünen, nicht „nur“ begrünen und damit sinnvolle Weiterentwicklung und Nachverdichtung verhindern.

„Wir brauchen für den Klimaschutz eine Initiative für die bestmögliche Nutzung von Flächen – immer natürlich im Sinne nachhaltiger ökologischer Flächennutzung und -widmung“, betont Experte Ulreich. Es brauche da ordentlich Fingerspitzengefühl. Die grauen Höfe „nur“ zuzupflanzen und zu entsiegeln, sei nicht effizient genug – und auch gefährlich. Einen einmal zugepflanzten Hof dann wieder zu bebauen, sei äußerst schwierig: „Die Bewohner und Anrainer stemmen sich dann mit aller Wucht dagegen, und die Nachverdichtung, ökologisch nachhaltig, bleibt auf der Strecke.“

Die sinnvollste Maßnahme zur Erreichung der Klimaziele sieht Ulreich übrigens darin, „ökologisch nachhaltige Sanierungen anzukurbeln, denn unsanierte Gebäude sind der wahre Umweltkiller.“

Sanierungen seien derzeit aber mehr als unattraktiv, gerade bei Altbauten, deswegen brauche es hier dringend Anreize. „Und einer von vielen Anreize ist es, die Benachteiligung von ökologisch nachhaltig sanierten Altbauten im Mietrecht (unterliegen Richtwert) gegenüber Neubauten (unterliegen keinem Richtwert) endlich aufzuheben.“ Eine Flächenwidmung, die mehr Dichte und Höhe in der Stadt zulasse, zähle auch zu diesen Maßnahmen.

Neuentwicklungen

Fassadenbegrünungen erhöhen jedenfalls die Wohnqualität, werten Liegenschaften auf und schaffen ein positives Mikroklima. So hat die Tatwort Nachhaltige Projekte GmbH in den vergangenen Jahren im Zuge des Forschungsprojektes „50 grüne Häuser“ gemeinsam mit der Stadt Wien, Boku und anderen Partnern das Grünfassadenmodul „BeRTA“ (Begrünung, Rankhilfe, Trog – All-in-One) entwickelt (**), um bestehende Gebäude in der Stadt unkomplizierter zu begrünen: mit Trögen, die vergleichsweise rasch und kostengünstig umsetzbar sind. „Das Modul entspricht den Vorgaben der Stadt Wien für die Aufstellung am Gehsteig, und auch die MA 19 und das Bundesdenkmalamt waren in die Entwicklung einbezogen“, sagt Julia Beck vom Leitenden Projektmanagement bei Tatwort. Die ersten 50 Prototypen sind seit Herbst 2019 im Einsatz und gedeihen sehr gut. „Nun“, so Beck, „ist das Modul für ganz Wien verfügbar, und es gibt auch eine Förderung von knapp 6.900 Euro pro Projekt.“

Auch Hans Jörg Ulreich hat etwas Neues entwickelt – Begrünung aus dem Keller: Das Grün bewächst aus der Erde in einem Kellerabteil heraus mittels Rankseilen die Fassade – aus seiner Sicht die zweitbeste Lösung. Die beste und schnellste Lösung sei, das Grün im Gehsteig zu pflanzen. „Wir haben das“, so Ulreich, „bei einem unserer Häuser umgesetzt, dem Zwischennutzungsprojekt Garage Grande in Wien-Ottakring (***), einem ehemaligen Parkhaus, wo erstmals in Wien Fassadengrün im Gehsteig gepflanzt wird – das Einfachste und Kostengünstigste, um die Städte möglichst schnell begrünen zu können.“ Dagegen gebe es aber verschiedene Widerstände, etwa dass der Gehsteig dann zu schmal sei oder dass Einbauten wie Gas- und Wasserleitung beschädigt werden könnten. Beim Projekt Garage Grande habe man das nur machen dürfen, weil es auf drei Jahre befristet sei und man dort den Gehsteig zum „Begrünungslehrpfad“ erklärt habe. Die Kosten für Gebäudebegrünung bei einem Zinshaus beziffert Ulreich nach eigener Berechnung – im Betrieb inklusive Pflege – mit 1 - 1,50 Euro pro Quadratmeter und Jahr. In der Errichtung sei es unterschiedlich: „Tröge sind aufwändig, erdgebundene Begrünung mit Rankseilen kostet 5.000 bis 10.000 Euro – in Relation zu den Gesamtkosten also ebenfalls verschwindend gering.“

Förderschienen

Wobei für Werner Auer vom Wohnfonds Wien, Bereichsleitung Sanierung, „neben der Fassadenbegrünung, die natürlich wichtig ist, auch das Thema Hofbegrünungen viel mehr Beachtung finden sollte, sprich: Entsiegelungsmaßnahmen in den Höfen, aber auch Dachbegrünungen.“ Gerade für die Bewohner sei es hinsichtlich ihrer Lebensqualität und der positiven Wirkung auf das Kleinklima besonders wichtig, dass in den Hofbereichen die Begrünung noch viel stärker forciert werde. „Daher sind wir seit vielen Jahren mit unseren Projekten sehr bedacht darauf, dass da, wo Flachdächer vorhanden sind oder entstehen, auch Begrünungen umgesetzt und Höfe entsiegelt werden“, so Auer.

Von der Stadt Wien gibt in diesem Zusammenhang mehrere Förderschienen. So fördert die Wiener Umweltschutzabteilung straßenseitige Fassadenbegrünungen bis zu einer Höhe von maximal 5.200 Euro. Zusätzlich werden von der MA 22 auch Planungsförderungen gewährt. „Von unserer Seite können diese Maßnahmen auch im Rahmen der Wohnbauförderung unterstützt werden, allerdings in der Regel im Paket mit anderen Sanierungen, etwa einer umfassenden Sanierung eines Gründerzeithauses“, so Werner Auer, „oder auch kombinierbar mit einer thermischen Sanierung – eine Förderung, die sich ,Maßnahmen zur Erhöhung des Wohnkomforts‘ nennt, wo wir bis zu 40 Prozent der Kosten, die da entstehen, als Einmalzuschuss fördern.“

Bewässerung

„Für die Bewässerung der Gebäudebegrünung planen wir wenn möglich immer eine automatische Lösung“, sagt Roman Haider, Leitung Immobilienentwicklung und Sonderprojekte bei Facilitycomfort. Das funktioniere über eine Zeitschaltuhr oder zumeist über Feuchtesensoren. „Die sicherste automatische Bewässerungsvariante, die wir mit unseren Partnern anbieten, ist eine vernetzte Lösung, die unter anderem auch Störmeldungen liefern kann, sodass, wenn es Probleme gibt, diese nicht einfach untergehen“, so Haider.

(*) www.greenmarketreport.eu

(**) www.berta-modul.at

(***) www.garagegrande.at

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